Eine Frage der Ehre

Die Ehre: Wer beleidigt ist, fühlt sich in seiner Ehre angegriffen.

Doch was soll das heißen? In Wahrheit gibt es keine Ehre, die man (in seinem Körper) haben könnte. Somit kann ein anderer diese nicht vorhandene (körperliche) Ehre auch nicht verletzen. "Verletzt" kann man durch eine Wunde werden, die einem in den Körper geschlagen wird.

Das hat schon Aristoteles gewusst. "Die Ehre liegt wohl eher in dem Ehrenden als in dem Geehrten." Damit will er sagen: Die Ehre ist nichts anderes als das Ansehen, das man bei anderen genießt. Es ist nicht Eigentum dessen, dem das Ansehen gilt, sondern Geschenk derer, die es ihm zuteilwerden lassen.

Ehre, Würde und menschliche Größe

Folglich kann man "seine" Ehre nicht dadurch verlieren, dass man beleidigt wird. Man verliert sie nur, wenn man im Ansehen anderer Menschen sinkt. Wenn andere einen "beleidigen", ist das mithin ein Symptom dafür, dass man seine Ehre bereits verloren hat.


Beleidigung

Das erklärt, warum vor allem solche Menschen rasch beleidigt sind, die es nicht ertragen können, wenn sie bei anderen in keinem hohen Ansehen stehen – oder wenn sie im Ansehen anderer so sehr sinken, dass sie von ihnen veralbert werden.

 

Beleidigtsein ist in Wahrheit nicht das Symptom gekränkter Ehre, sondern eines aufgeblähten Egos, das meint, sich seines eigenen Wertes durch die Wertschätzung anderer versichern zu müssen.

 

Das aufgeblähte Ego wiederum verrät ein hohes Maß an Unsicherheit und Ängstlichkeit. Wer um die Wertschätzung anderer buhlt, hat kein Gespür für seinen eigenen Wert.

Ihm fehlt die Reife jenes Menschen, dem Aristoteles die Tugend der "Seelengröße" bescheinigt hätte: eines Menschen, der sich nicht hinter seinem aufgeblähten Ego verstecken muss und bei jeder Gelegenheit "Beleidigung!" brüllt, wo er sich nicht genügend wertgeschätzt fühlt, sondern dessen Seele durch Leid und Schmerz gewachsen ist, durch Liebe und durch Glück. "Seelengröße" zeigt sich darin, "eine Beleidigung mit Sanftmut zu ertragen", lehrt Demokrit.

Ein Mensch mit Seelengröße ist sich seiner sicher. Er weiß um seine Würde. Und also braucht er nicht um sie zu fürchten, wenn andere ihn veralbern. Umgekehrt verrät, wer schnell beleidigt ist oder sich rasch empört, dass seine Seele klein ist. Die Gleichung ist einfach und geht immer auf:

 

Je schneller ein Mensch sich beleidigt fühlt,

desto größer ist sein Ego,

aber desto kleiner seine Seele.

 

Es ist kein gutes Zeichen unserer Zeit, dass sich alle Welt andauernd beleidigt fühlt. Mit Nietzsche möchte man dann seufzen: "Es ist alles so klein geworden!" Wie selten sind die großen Menschen, die liebend-lächelnd sich der Welt zuwenden, ihrer selbst gewiss und würdevoll? Man wünscht sich mehr von ihnen – und weniger der aufgeblähten kleinen Geister, die sich nicht entblöden, nach dem Staatsanwalt zu rufen, wenn einer sich auf ihre Kosten einen Spaß erlaubt.

Übrigens kann man Ehre niemals dadurch erlangen, indem man "sein Volk" dazu zwingt. Wer aus Angst vor Strafe einen Menschen "verehrt", bewirkt in "Wirklichkeit" genau das Gegenteil damit. Im "Ausland" gilt so ein Mensch oft als Tyrann, Diktator oder Despot. Und spätestens am Himmelstor kommt dann die Rechnung dafür.

"Die Wahrheit kann niemals eine Beleidigung sein." - Mark Twain


Um was geht es hier eigentlich?

Der Satiriker Jan Böhmermann hat ein zugegebenermaßen geschmackloses und beleidigendes Gedicht öffentlich im deutschen Fernsehen vorgetragen. In diesem Gedicht ist er den türkischen Präsidenten mit persönlichen Beleidigungen und Unterstellungen angegangen. So etwas kann einem nun gefallen oder auch nicht.

Ist es nun Kunst, oder ist es das schon nicht mehr? Kein Mensch ist übrigens gezwungen, sich das Gedicht anzuhören. Und wie gesagt, ich persönlich finde es auch etwas geschmacklos, aber dadurch vielleicht auch schon wieder witzig.

In Frankreich ist man da nicht ganz so empfindlich. Dort geht Satire noch sehr viel weiter unter die Gürtellinie. Und die ganze Welt hat sich hinter diese geschmacklose Satire gestellt, weil fehlgeleitete Menschen darauf mit Gewalt und Mord geantwortet haben.


Der Beitrag wurde aus dem Internet gelöscht!

Aus der Mediathek und YouTube wurde der Beitrag von Jan Böhmermann bereits gelöscht. Wird hier mit zweierlei Maß gemessen? Seiten im Internet mit Kinderpronographie dürfen weder gesperrt, noch gelöscht werden. Weil das Internet frei ist. Aber so frei wohl doch wieder nicht. 


Steht das Schmähgedicht jetzt eigentlich auf dem Index?